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Der Karneval in Ohrdruf

Ohrdruf in der närrischen Zeit

Wie lange der Brauch, böse Geister im Frühjahr durch bunte Masken und Kostüme zu erschrecken, in Ohrdruf schon gepflegt wird, konnten wir bis heute nicht klären.

Sicher zu belegen ist die Tatsache, dass die Firma Franck & Co. (gegründet 1840 in der Hohenlohestraße) als älteste Maskenfabrik hier am Ort, bereits Masken und Scherzartikel produzierte.

Der erste schriftliche Beleg dafür verbindet sich mit der kommerziellen Nutzung des närrischen Treibens. So hat das Veranstalten von Maskenbällen ab Mitte des 19. Jahrhundert nicht mehr nur den Zweck, Dämonen zu erschrecken und das Volk zu belustigen, im Hintergrund stehen neben der Traditionspflege bereits handfeste ökonomische Interessen.

So ist die erste, uns bekannte Anzeige, eines Maskenballs in Ohrdruf im Wöchentlichen Anzeiger für Ohrdruf gleich mit 3 Werbeanzeigen von Anbietern von Masken, Borden und anderem Kostümzubehör verbunden. Darüber hinaus wurden die Eintrittskarten für die Veranstaltung im Rathaussaale zu Ohrdruf vom Ratskellerwirt verkauft. Es ist also fest damit zu rechnen, dass sich so mancher beim Erwerb der Karten auch schon in Stimmung getrunken hat.

 

Ob der Rathaussaal für derartige Scherze ungeeignet war oder ob sich der ehrwürdige Rat gegen eine Wiederholung derartiger Veranstaltungen ausgesprochen hat ist aus dem zur Verfügung stehenden Material nicht herauszulesen, es scheint dies allerdings der einzige öffentliche Maskenball gewesen zu sein, der jemals im Rathaus stattgefunden hat. In den folgenden Jahren wurden die vom Gesangsverein „Harmonie" und der „Schützengesellschaft" veranstalteten Maskenbälle im Saal des Schützenhauses durchgeführt.

 

Bis zur Jahrhundertwende wurden die Angebote vielfältiger, immer mehr Musik- und Theatervereine gestalteten Maskenbälle und es war nicht selten, dass an einem Wochenende 2 oder 3 verschiedene Angebote in verschieden Gaststätten zur Auswahl standen.

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Beleg dafür das Angebot zum Karneval im Jahr 1893.

„Die diesjährige Karnevalssaison erreicht morgen hier ihren Höhepunkt. Se. närrische Hoheit Prinz Karneval regiert morgen Abend von 8 Uhr ab im „Kaisersaal" die Mitglieder des Sängerkranz, welchen sich zahlreiche vermummte Freunde, alt und jung, aus verschiedenen Kreisen anschließen und dem Rufe des närrischen Prinzen in den „Kaisersaal" folgen, um der wunderlichen Dinge zu harren, die da kommen sollen. Großartig aber wahr ist die Ankündigung: „Der Distanzritt zwischen Berlin und Wien" sowie „der Überfall des Orient-Express-Eisenbahnzuges", welche wohl einen unwiderstehlichen Reiz auf die Lachmuskeln aller Anwesenden ausüben und stürmische Heiterkeit hervorrufen werden. Auch im „Schützenhof" zu Gräfenhain und in Bad Luisenthal werden morgen Abend von den Turnvereinen Maskenscherze veranstaltet, wo sich Männlein und Weiblein in allerlei Kostümen weidlich hänseln und foppen können.

 

Aus einem Messekatalog der Ohrdrufer Maskenfabrik Franck um 1920

Die Mitglieder des Ohrdrufer Turnvereins werden ihrer munteren Laune erst am Fastnachts-Dienstag die Zügel schießen lassen in einem „Herrenabend" im Nonn'schen Schießhaus. Dann muss Prinz Karneval die fröhlich klingende Schellenkappe an den Nagel hängen; in diesem Jahr zum ersten Male darf von Aschermittwoch ab kein Ball-Vergnügen mehr stattfinden."

Ganz anders die Werbung der „Gesellschaft Harmonie" für das närrisch Wochenende in eben diesem Jahr 1893:

                                               Steckbrief-

 

                        lich wird jedes Mitglied, sowie jeder Freund

                        und Bekannte verfolgt, der nicht am 29.

                        Januar zu dem Abend 7 Uhr begin-

                        nenden Maskenscherz mit Ball im alten

                        Schützenhof erscheint.

 

                                               Die be

                        ste Gelegenheit haben wir da zu zeigen, daß

                        wir weder Kosten noch Mühe gescheut haben,

                        um den Theilnehmern einen genußreichen Abend

                        zu verschaffen.

 

                                               Vatermörder

                        Frack und weiße Weste sind nicht nothwendig, dagegen

                        ist das Erscheinen im Maskenanzuge und das Mitbringen

einer guten Portion Humor sehr erwünscht, auch empfehlen

wir Jedermann, nicht den Hausschlüssel zu vergessen.

Was an diesem Abend geboten wird, das aufzuzählen, ist uns

hier unmöglich, es sei nur gesagt:

 

                        Todt-

lachen wird sich jeder, der kommt

 

                        1500 Mark

Wollen wir gar nicht einnehmen, aber freuen würde es uns, wenn

die Betheiligung eine sehr zahlreiche wäre und alle Freunde und

Bekannten sich rechtzeitig in Besitz von Eintrittskarten setzen, welche               

bei Herrn W. Meister, Waldstraße 138, Paul Graf, Lappgasse 14

und Fritz Ullrich, Bahnhofstraße (Maskenkarten zu 40 Pfg. und

Eintrittskarten zu 30 Pfg.) zu haben sind

                                               Hochachtungsvoll

                                               Der Vorstand

 

 

Hochachtung und Hut ab, wer die Anzeige der Gesellschaft Harmonie aufmerksam liest, wird neidlos zugeben, man kann noch viel von seinen Ururgroßmüttern und -vätern lernen.

 

Am 3. Februar 1901 erreicht das närrische Treiben einen neuen Höhepunkt - einen Carneval-Festumzug.

Der Thüringer Waldbote vom 2.2. berichtet darüber wie folgt: „Was alle jetzt lebenden Ohrdrufer Einwohner noch nicht hier erlebt haben, werden sie morgen erleben - einen glänzenden Carnevals-Festumzug am Ohrastrand. Die Veranstalter dieses voraussichtlich gut gelingenden Werkes sind die Vereine „Männergesangsverein" und „Harmonie". Angeführt von einem Herold zu Pferde wird Prinz Karneval und Prinzessin mit Gefolge nachmittags 3 Uhr vom „Alten Schützenhofe" aus seinen Einzug in die Stadt halten und sodann sein närrisches Hoflager bei „Gustaf Alt" hoch oben auf dem Goldberg aufschlagen, um einmal alle Narrheiten richtig übersehen zu können. Groß wird die Zahl der Getreuen und Verwandten sein, die dem Prinzen folgen und der Zug ein farbenreiches, wechselvolles Bild bieten, noch größer aber die Menschenmenge, welche herbeieilen wird, um die im Inserententheil dieses Blattes veröffentlichte Zugfolge mit 13 Gruppen zu bewundern, sowie dann buntbekappt in ausgelassener Heiterkeit den karnevalistischen Aufführungen beizuwohnen und sich einmal vor Lachen auszuschütten."

 

Neu dabei ist nicht nur die Idee zur Gestaltung eines Festumzuges an sich, neu ist auch der Zusammenschluss von 2 Vereinen für diesen Zweck ohne das diese für die Zukunft ihre eigene Identität aufgeben. Eine andere Neuerung aus dieser Zeit - die ersten Fotos vom närrischen Treiben in der Stadt werden gemacht und sind ein Beleg dafür, mit wie viel Liebe, Sorgfalt und Ideenreichtum die Saaldekoration und die Kostüme in dieser Zeit gestaltet waren. Der Mangel an anderen Unterhaltungsmöglichkeiten wie Rundfunk oder Fernsehen brachte die Kreativität der Vereine zum sprießen, denn nur durch ein gutes Programm und eine gute Dekoration (natürlich alles handgemacht) konnte man sich von den anderen Anbietern abgrenzen.

Ab 1906 steht den Ohrdrufer Narren auch der große Saal des Erbprinzen (Weißes Ross) zur Verfügung.

 

 

Im Jahr 1907 treten neue „Ortstatuten betreffend die Erhebung einer Abgabe von Lustbarkeiten in der Stadt Ohrdruf" in Kraft.

In diesen heißt es unter anderem:

„Für alle im Bezirk der Stadt Ohrdruf stattfindenden öffentlichen Lustbarkeiten sind an die hiesige Stadtkasse nachstehende Abgaben zu entrichten und zwar:

1.       Für die Veranstaltung einer Tanzbelustigung

a)                  wenn dieselbe bis Nachts 12 Uhr dauert, 10 Mk.,

b)                  wenn dieselbe bis über 12 Uhr Nachts dauert 20 Mk.,

c)                  wenn dieselbe von Masken oder von Personen in außergewöhnlichen Trachten besucht wird (Narrenabende), 30 Mk." *

weiter heißt es:

6.                  Für den Betrieb eines durch Mechanische Kraft in Bewegung gesetzten Musikwerkes

(einschließlich Phonographen)

a)                  wenn dasselbe mehrere Musikinstrumente wiedergibt, sowie für ein mechanisch betriebenes Klavier jährlich 6 Mk.

b)                  für andere Werke 3 Mk.

 

*Etwas närrisch zu sein war, wie es scheint, auch schon immer etwas teurer. Anmerkung der Redaktion.

Ungeachtet dieser finanziellen Mehrbelastung feierten die Ohrdrufer auch weiter ihrer Maskenbälle mit Mann und Maus auf allen Sälen dieser Stadt.

 

1921 gründete Carl Hanf, der seit 1918 Teilhaber bei der Maskenfabrik Franck & co war seine eigene Maskenfabrik. An Masken, Zubehör, Dekoration und guten Ideen für die Ausgestaltung von Maskenbällen dürfte zu dieser Zeit kein Mangel geherrscht haben - Narrenherz was willst du mehr.

 

1933 finden wir neben den vielfältigen karnevalistischen Angeboten im Anzeigenteil des Thüringer Waldboten das Filmprogramm des Ohrdrufer Lichtspielhäuser und natürlich die strammen Ankündigungen von Parteiveranstaltungen. Während die „Kristall-Diele" im Waldtor für Dienstag, den 28. Februar für einen lustigen Fastnacht-Abend wirbt und im Apollo-Lichtspielhaus „die verkaufte Braut" gespielt wird, spricht Paul Fischer aus Arnstadt in einer öffentlichen Kundgebung der NSDAP im Ankersaal.

 

 

 

 

Aber auch nach dem Krieg war die Lust am Bunten Treiben ungebrochen, wieder wurde auf allen Sälen gefeiert. Bis zur Umfunktionierung als Turnhalle herrschte auch im Lindenhof noch ausgelassenen Stimmung.

In den 50iger Jahren stellte die Firma Franck & Co die Prodiktion ein, das traditionelle Handwerk der Maskenherstellung wird jedoch bis heute durch die Thüringer Maskenmacherwerkstatt Hanf gepflegt.

Mitte der 70iger Jahre löste sich auch das Gefolge von Prinz Karneval in Ohrdrufer auf, ohne das das närrische Treiben endgültig zu Ende war.

Zunächst gestalteten die TOL und „Disco-Klaus" Tanzveranstaltungen am närrischen Wochenende. Bis zur endgültigen Schließung vom „Weißen Roß" versuchte Klaus Daudert als „letzter Mohikaner" die Ehre des Ohrdrufer Karnevals zu bewahren. Das närrische Zepter in Ohrdruf hatte zu diesem Zeitpunk allerdings schon längst der WCV (Wölfiser Karneval Verein) übernommen. So retteten die Wölfiser bis 1990 die närrischen Tage in Ohrdruf. Erst als die Schließung der Schenke Wölfis auch den WCV kurzzeitig ins Wanken brachte und der Saal im „Deutsche Kaiser" zur Diskothek „Das Ohr" ausgebaut wurde, kam der Karneval in Ohrdruf ganz zum erliegen.

 

Am 12. März 1993, also gerade nach Ablauf der närrischen Session 1992/1993, wurde über den Thüringer Waldboten Ohrdruf ein Aufruf zur Wiederbelebung der alten Karnevalstradition veröffentlicht. Sofort machten sich etwa 10 begeisterte Karnevalisten, (einige mit Erfahrungen aus dem vorangegangenen OCV) daran, einen Verein nach bundesdeutschem Recht zu gründen und diesen ins Vereinsregister des Landkreises Gotha eintragen zu lassen. Nach den ersten vorsichtigen Schritten auf dem närrischen Parkett und einem riesigen Engagement aller Beteiligten war schon bald ein Verein aufgestellt, dem man die lange Abstinenz vom Karneval schon nach der Session nicht mehr anmerkte. Von Büttenreden über Fünkchen, bis Prinzengarde und Männerballett war bereits alles im Programm vorhanden. Viele Probleme konnten in den vergangenen Jahren gelöst werden, nicht immer ging der Verein gestärkt daraus hervor. Vom Wunsch, dem Publikum ein tolles Programm zu bieten, sind alle Mitglieder des Vereins nach wie vor beseelt. Am 11.11. 2002 stand der Verein vor seinem 10 jährigem Jubiläum (in dieser Form), übrigens der jüngste Verein im Landkreis, und die Ohrdrufer wollten diese Gelegenheit nutzen, sich bei allen zu bedanken, die dem Verein in den vorausgegangenen 9 Jahren durch ihr aktives Mitwirken im Programm oder durch finanzielle bzw. materielle Unterstützung geholfen haben zu bedanken.

 

Und wenn ab 11.16.2002 im „Deutschen Kaiser" wieder die Wände wackeln und der Boden bebt,

dann wissen es alle, der Karneval in Ohrdruf lebt!

 

So dachten alle Narren der Region. Aber ein Großbrand im „Deutschen Kaiser" brachte neue Probleme.

„Kein Saal - kein Karneval!"

 

Für ein Jahr fanden die Karnevalisten Unterschlupf im Bürgersaal Schloss Ehrenstein. Danach hat der Verein zur Freude aller Karnevalsfreunde der Region sein Domizil in der Goldberghalle Ohrdruf gefunden.

 

Die Ausrichtung das Kreiskarnevalsumzuges für den Landkreis Gotha 2008 mit weit über 1200 Gästen in der vollbesetzten Goldberghalle gehört ohne Zweifel zu den Höhepunkten des närrischen Treibens in eine über 150jährigen Tradition.

 

 

1915 Karneval im "Erbprinzen" später "Weißes Ross"

1915 Karneval im "Erbprinzen" später "Weißes Ross"

um 1930 Die Ohrdrufer Stadtkapelle beim Karneval

um 1930 Die Ohrdrufer Stadtkapelle beim Karneval

Festumzug in den 50-er Jahren

Festumzug in den 50-er Jahren

1958 der Ohrdrufer Carneval Verein auf dem Weg zum Rathaus.

1958 der Ohrdrufer Carneval Verein auf dem Weg zum Rathaus.

Vor der dem Gasthaus "Volkshaus"

Vor der dem Gasthaus "Volkshaus"

Der 1. OCV beim Festumzug.

Der 1. OCV beim Festumzug.

Um 1970 der 2. OCV beim Festumzug durch die Waldstraße.

Um 1970 der 2. OCV beim Festumzug durch die Waldstraße.

1993 - der 3. und heutige OCV e.V. übernimmt erstmals am 11.11. den Schlüssel für das Ohrdrufer Rathaus.

1993 - der 3. und heutige OCV e.V. übernimmt erstmals am 11.11. den Schlüssel für das Ohrdrufer Rathaus.

Ministerrat und Prinzengarde 1993.

Ministerrat und Prinzengarde 1993.

2000. Die Prinzengarde beim Winteraustreiben.

2000. Die Prinzengarde beim Winteraustreiben.

2005

2005